Ein Bochum-Roman
Bochum, ich schreib‘ in dir
Bild:mafa
Der einzige Farbfleck im Grau: Der Kollektivroman „Stahl und Beton“ spielt – natürlich - in Bochum. Bild:mafa
Der einzige Farbfleck im Grau: Der Kollektivroman „Stahl und Beton“ spielt – natürlich - in Bochum. Bild:mafa

Roman. „Sturm und Beton“ heißt der Bochum-Roman, den vier RUB-Studierende und Autorin Sarah Meyer-Dietrich im Kollektiv schrieben.

Grau in Grau selbst im Sommer. Lernen im Betonbunker, klappernde Bodenplatten, beißend kahle Wände und ein Panorama aus Zechentürmen. Menschen rau und ehrlich wie die Luft und die höchste Kneipendichte Deutschlands. So ganz spurlos kann diese Stadt doch gar nicht an uns vorbei gehen: Unter vielleicht ähnlicher Prämisse veranstaltete die Autorin Sarah Meyer-Dietrich als selbst erklärtes „Ruhrpottkind“ im Sommersemester 2018 den boskop-Schreibworkshop „TEXT & the CITY“. Die Autorin und vier Studierende verschiedener geisteswissenschaftlicher Fächer schrieben zusammen am Roman „Sturm und Beton“, der in Bochum und an der Uni spielt. Am Donnerstag wurde die Herausgabe des Kollektivromans mit einer Lesung im Hardy’s gefeiert. Haben wir einen Pulsschlag aus Stahl? Den Brutalismus im Blut?

Die detailreiche Beschreibung der Currywurst-Herstellung, das „Zerkleinern und Zerhäckseln, das durch ein Loch quetschen“ von Lebewesen, mit dem Vivien Illigens Protagonistin, die Studentin Lara, in ihre Teilgeschichte einsteigt, ist stilistisch vielleicht bezeichnend. Der studentische Kollektivroman ist ein Konglomerat aus Assoziationen. Momentaufnahmen aus der Stadt des Stahls und dem Leben ihrer Menschen. Tatsächlich haben sich die Autor*innen Bochum als Schauplatz ihrer Handlung nicht ausgesucht; vielmehr sah die finanzielle Unterstützung des Werkes durch UniverCity Bochum und die Gesellschaft der Freunde der Ruhr-Universität Bochum e.V. es so vor. Also tobten sich die Student*innen bei der Wahl ihrer Protagonist*innen aus: Neben der Currywurst-verabscheuenden Studentin Lara gibt es da eine gebürtige Thailänderin, die an der RUB als Reinigungsfrau arbeitet; den Außerirdischen Herrn Walter, der eine Sozialstudie durchführt; den 12-jährigen Oskar, der auf der Suche nach der Wahrheit ist und Teenager Ben, der sich von seinen Eltern entfremdet fühlt. Im Laufe der Rahmenhandlung findet der titelgebende „Sturm“ in Bochum statt, in dessen Verlauf nicht nur das RUB-Sommerfest abgesagt, sondern auch der Förderturm des Bergbaumuseums beschädigt wird. Die Protagonist*innen tänzeln um dieses für Lokalpatriot*innen verheerende Ereignis der Rahmenhandlung herum, treffen ab und an aufeinander. Obwohl der Roman einen zusammenhängenden Plot vermissen lässt, sorgen immer wieder zugängliche Assoziationen, die zu einem selbstironischen Schmunzeln anregen und ein oft „brutaler“ Stil für ein stimmiges Bochum-Gefühl.

So suchen letztendlich alle Charaktere nach einem Stück eigener Wahrheit in einer „metallisch glänzenden“-modernisierten, schnelllebigen und fremdartigen Welt. Felix Sterns desillusionierende Geschichte vom kleinen Oskar fängt schon hoffnungslos an, wenn dieser im Vorlesungssaal nach Antworten sucht: „Das ist die Wahrheit Oskar […] Bei allem was wir tun, sollten wir den Nutzen maximieren und die Kosten minimieren! Und weißt du auch warum? Weil das Leben ein einziger Wettbewerb ist.“ Ein ähnlich düsteres Lebensbild zeichnet sich in den von Christian Biermann etwas zu blumig beschriebenen Kindheitserinnerungen der thailändischen Reinigungskraft ab. Am Ende der parabel-artigen Konversation mit einem Mönch steht die nüchterne Aussage: „Die eigentliche Belohnung dafür, dass man das Spiel zu Ende gespielt hat, ist, dass man es nicht mehr spielen muss.“
Ob brutal oder sanft, grau oder bunt: Sein eigenes, wahres Bochum muss wohl ein jeder selbst finden – auch im Roman „Sturm und Beton“ kann nun danach gesucht werden.
                  

:Marlen Farina